Glöckchenschweine - was sind das?


Im ehemaligen Tierpark Warder (heute Arche Warder genannt) hielt, züchtete und erhielt ich seit 1996 eine Schweinerasse, die erst auf den 2. Blick als ungewöhnlich zu erkennen ist. Es handelt sich dabei um das alte Schwarzbunte Dänische Landschwein, in Dänemark „Sortbroged-Schwein“ genannt (weiß mit schwarzen Flecken). 

 

Das besondere an diesen Schweinen: Viele Individuen tragen am Unterkiefer in der Nähe des Halsansatzes zwei sogenannte „Bommeln“. In Ermangelung eines gängigen deutschen Namens für diese alte Schweinerasse habe ich seinerzeit als Direktor des Tierpark Warder die Bezeichnung „Glöckchenschwein“ eingeführt. Nur rund 1/3 der Glöckchenschweine weisen solche Glöckchen am Hals auf: Entweder beidseitig oder nur an einer Kieferhälfte.

 

Ansonsten sind diese Schweine wie viele Landschweinrassen weiß mit zahlreichen - mal mehr, mal weniger - kleineren oder größeren schwarzen Flecken über den ganzen Körper verteilt. Die Gründerpopulation in Deutschland ( 1 Eber + 2 Sauen) erwarb ich 1996 vom einzigen Dänischen Haustierpark (Danmarks Husdyrpark) auf der Insel Fünen nahe der Stadt Bogense. Ein Jahr später wurde noch ein weiteres Paar von dort erworben. Der gesamte übrige Bestand dieser alten dänischen Landschlagrasse, die sich in ihrer alten genetischen Konstellation als unspezialisiertes Weideschwein hinüber gerettet hat, wird von Herrn Gorm Benzon, dem Besitzer des Haustierparks seit vielen Jahren in ganzjähriger Freilandhaltung dort gehalten.


Herr Benzon und seine Familie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alte historisch gewachsene dänische Nutztierrassen der Nachwelt als lebendes Kulturgut zu erhalten und sie als wertvolle genetische Reserve für die landwirtschaftliche Tierzucht der Zukunft zu bewahren. Schon die Haltungsform dort ist nach landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ungewöhnlich. Auf einer ca. 5 ha großen Wald- und Weidefläche, die durch mehrere E-Zaun-Reihen begrenzt ist, laufen zur Zeit rund 160 dieser Schweine. Die von den Glöckchenschweinen genutzten Flächen können bei Überweidung durch Versetzen der E-Zäune verschoben werden. Grundprinzip dieser extensiven Schweinehaltung (ganzjährig im Freien) ist die in den letzten Jahren in Dänemark, aber auch in Deutschland, in Mode gekommene Outdoor-Haltung.


Allerdings ist bei Gorm Benzon die Familienherdenhaltung nicht aus grundsätzlich wirtschaftlichen Erwägungen heraus betrieben worden. Vielmehr geht es hierbei um die Erhaltung des weltweit gesamten restlichen Genpools dieser alten Schweinerasse, die nur noch dort sowie im Haustierpark Lelkendorf und bei einem halben Dutzend Privatzuchten in Reinform betrieben wird, die sich zu einem Erhaltungszucht- und Vermarktungsring zusammengeschlossen haben.

 

Die Schweine nutzen im Dänischen Haustierpark die gesamte Fläche zum natürlichen Grasen und Umbrechen der Weideflächen. Alle typischen Verhaltensweisen wie Wühlen, Boden-Umbrechen, Grasen, sich an Pfählen oder

 

Bäumen scheuern, sich suhlen in Schlammlöchern sowie Rangordnungskämpfe austragen sind jederzeit möglich. Eine Beifütterung des Bestandes ist wegen des hohen Besatzes notwendig. Gerade durch Nutzung von ins Gehege gestellten Stroh-Rundballen als „Abenteuerspielplatz“ für Schweine, in dem diese Kleingetier wie Insekten, Larven, Würmer, Nagetiere, Amphibien etc. aufspüren, entsteht ein für Schweine besonders attraktives „Behavioral Enrichment“. Außerdem stellt das aufgespürte Kleingetier eine wichtige zusätzliche Eiweißquelle dar. Und obendrein fördert der Umgang mit diesen Strohballen die Vielfalt der Schweine-Aktivitäten. Auch werden Ferkelwürfe außerhalb ihrer Unterstände gerne in diesen auseinander gerissenen Strohballen abgelegt.

 

Ungewöhnlich ist vor allem die gute Verträglichkeit zahlreicher, unterschiedlich alter Schweine innerhalb dieses großen Herdenverbandes. Fast 50 % des Bestandes sind Eber, darunter bestimmt 20 ranghohe Eber, die aber offensichtlich die Rangordungs-Hierarchie - einmal ausgekämpft - akzeptieren.

 

Genau diesen weitgehend stressfreien Familiensinn kann man auch bei der Zuchtgruppe im Haustierpark Lelkendorf beobachten. Die Eber und die anderen Sauen betreuen gelegentlich, aber grundsätzlich vorzüglich, die neuen Ferkelwürfe und lassen sich von den Ferkeln „nerven“, während die Mutter-Sau in der Zwischenzeit in Ruhe ihrem Fressbedürfnis nachkommen kann.

 

Was aber nun bedeuten die Bommeln oder Glöckchen der Schweine?

 

Es steht fest,...

  • dass es reine Hautausstülpungen sind
  • dass sie keine Drüsen enthalten
  • dass sie bei der heutigen Population der Glöckchenschweine keinerlei Funktion aufweisen.
  • dass Wildschweine - also ihre wilde Stammform - derartige Hautausstülpungen meines Wissens  nirgendwo auf der Welt besitzen.